Im Herbstwald der Damschaufler Eine Reise nach Polen

von Freddy Lietz

Es ist 13:00 Uhr – wir sind da. Ich stelle den Motor meines Pickups ab und Philipp und ich schauen uns unsere Unterkunft im 300 Seelendörfchen an. Fast wie ausgestorben der Ort, wenn da nicht die Hunde der benachbarten Häuser wären.

Sie haben wohl den Titel „Wachhund“ verdient. Nach einem nächtlichen Zwischenstopp in Bautzen sind wir nun auch geistig am Zielort angekommen. Etwa 800 Kilometer von der Heimat entfernt. Es ist Samstag und es soll bereits am frühen Nachmittag raus gehen. Philipp und ich wussten nicht was uns erwartet – der Wunsch, die Damhirschbrunft live zu erleben, war groß doch wird er erfüllt ? Leute … ich kann euch sagen, ja! Ja, auf jeden Fall, sogar so sehr das mir jetzt noch die Gänsehaut über den Körper fährt.

Die ersten 3 Tage zeigten sich von der besten Seite. Eine einzigartige Atmosphäre machte sich breit. Bei der Abendpirsch drangen die Sonnenstrahlen durch das bunte Blätterdach und ließen den 16.000 Hektar großen Wald in einer ganz eigenen, epischen Atmosphäre erscheinen. Ganz besonders haben es mir die Morgenansitze bzw. Pirschgänge angetan.

Der feuerrote Himmel, der Tau auf den eingegatterten, endlosen Dickungen, die Spinnennetze über den von den Sauen frisch aufgebrochenen Wiesenrändern im Wald sowie auch der Nebel, der uns teilweise in einer ganz eigenen Stimmung nur wenige hundert Meter des Waldes offenbarte, machte mir immer wieder aufs Neue bewusst, warum ich Jäger bin. Wir erlebten viele einzigarte Momente in der unberührten Natur Polens... aber von einer bestimmten möchte ich euch nun erzählen... :-)

Es ist der 3. Morgen - Irek, mein Pirschführer und ich fuhren am frühen Morgen gegen 6:30 Uhr in den tiefen Wald. Bereits bei der Fahrt zeigte sich immer wieder Damwild in den endlosen Abteilungen schnurgerader Wegenetze. Irek hielt gefühlt mitten im Wald, nach einer fast 20 minütigen Fahrt durch den Wald. Er schaute mich an, grinste und sagte: „Jetzt, wir hören was der Wald sagt“, sein gebrochenes, aber dennoch gutes Deutsch vermittelte irgendwie immer eine ganz besondere Spannung. Langsam und leise drückten wir die Tür an den Wagen, lehnten uns an das Fahrzeug und lauschten. Der Himmel war feuerrot und es ging kaum Wind. Leichter Nebel zog sich langsam zurück und legte immer wieder neue bunte Buchen und Eichen frei.

Es durchfuhr mich, wie auch in den Tagen zuvor, wieder ein Stromschlag, als etwa 500 m vor uns ein weiterer Damhirsch meldete. Sein tiefes Rülpsen hallte in den frühen Morgen und lies ihn einigermaßen gut orten. Der Zeigefinger und die rechte Augenbraue zuckte nach oben – „Jetzt, wir gehen!“ sagte Irek. Langsam bewegte ich mich hinter Irek gegen den Wind und in Richtung Hirsch. Wir liefen auf der mit Gras bewachsenen Bankette, hin und wieder über stark aufgebrochene Bereiche. Hier haben die Sauen ganze Arbeit geleistet. Wir kamen gut und leise voran und mit jedem näher werdenden Rülpser stieg mein Pulsschlag.

Plötzlich blieb Irek ruckartig stehen. Der Puls steigt. Etwa 100 Meter vor uns wechselte Kahlwild aufgeregt die Wegseite - gefolgt von einem Damspießer und 2 jüngeren Hirschen. Was ein Anblick. Wir hatten fast immer Anblick und es war immer wieder einzigartig. Auf dem Weg zum Brunfthirsch kreuzten oft junge Schaufler unseren Weg. Doch durch die Aufregung beim Kahlwild war klar, da musste noch was hinterherkommen. Der Zeigefinger war wieder oben, Irek drehte sich um und wollte gerade was sagen, als mit einem Knack vor uns der treibende Hirsch den Weg überfiel. Kurz blieb er stehen und zog anschließend dem Kahlwild hinterher. Herrlich – Gänsehaut und einfach nur großartig. Wieder schallt es diesmal von links aus dem Bestand. Die rülpsenden Sequenzen wirkten aufgeregt. Im zügigen Schritt zogen wir entlang eines Gatters hinterher. Der Hirsch stand nun etwa 60 Meter vor uns im Bestand, jedoch nicht sichtbar. Der starke Unterwuchs bestehend aus Fichten, Kiefern, Birken und teils kleineren Grüppchen von bunten Buchen machte ein weites Äugen unmöglich. Mitten im Unterholz, mitten in seinem Element stand er nun und röhrte. Jede Sequenz ging mir durch die Haut. 60 Meter vor unserer Nase. Links von uns war eine gegatterte Verjüngung aus Kiefern – mannshoch und vom Tau bedeckt. Rechts und geradeaus der besagte Baum-Bestand.

Meine Aufregung stieg als Irek langsam den Dreibein aufstellte und leise flüsterte: „Jetzt geht vielleicht ganz schnell – pass auf!“ Leise und zügig lag meine R8 auf der Zielhilfe. Die Richtung war offensichtlich... der Hirsch stand mittlerweile 30 Meter vor uns. Gefühlt verdeckte ihn nur eine Gruppe aus kleineren Fichten. Es schallte immer lauter. Die Waffe fest im Anschlag harrten wir der Dinge. Da! Sekundenschnell blitzten für ein Bruchteil einer Sekunde die Schaufeln des Hirsches durch die Fichten. Was eine Spannung! Kahlwild sprang ab und ein Spießer wechselte über die einzig einsehbare Schneise Richtung Hirsch. Meine Hände waren mittlerweile eiskalt und immer noch hatte ich meine Waffe fest im Griff. Vor uns hatte sich der Hirsch wieder etwas entfernt, als keine 5 Meter neben uns im Gatter ein tiefes Schnauben unsere Aufmerksamkeit hatte. Langsam äugte ich nach links... Eine grobe Sau schaute uns an – wohl auf dem Weg zurück in den Kessel, war sie überrascht uns zu sehen. Meiner treuen Bayrischen Gebirgsdame Luna, welche stets treu an meiner Seite mit pirschte, fielen fast die Augen aus dem Kopf.

Ein minimalistisches Winseln hielt die Sau wohl nicht aus – wie ein Geschoss durchbrach sie und scheinbar weitere Sauen die Dickung zurück in die Tiefe des Gatters. „Das war nah!“ flüsterte ich und Irek, der gestandene Berufsjäger grinste.

Dem Damwild war es scheinbar egal – hier war der Hirsch weiter am Rülpsen und entfernte sich weiter. Irek packte das Dreibein und zeigte mir, ich solle folgen. Wir versuchten näher ran zu kommen. Das Brechen der vertrockneten Äste auf dem Waldboden verrieten die aufgeregten Tiere etwa 50 Meter vor uns im Unterholz. Wir hielten kurz inne, als ein Schmaltier uns auf etwa 10 Meter in die Augen schaute. Skeptisch, aber nicht ängstlich, wechselte es wieder zurück über die Rückegasse um vom brodelnden Grün des Unterholzes verschluckt zu werden. Wir näherten uns weiter als wir plötzlich ein Altier übersehen hatten. Es lag im hohen abgestorbenen Gras vor uns. BÖH BÖH BÖH...BÖH BÖH BÖH BÖH war ihr Statement zur aktuellen Situation. Aufgeregt preschte sie durch die Dickung davon. Das schwere Brechen des Hirsches folgte ihr und die Bühne war leer. Das darf nicht war sein... enttäuscht, aber irgendwie trotzdem zufrieden, ging es langsam zurück zum Auto. Aus weiter Ferne meldete ein weiterer Hirsch. Wo zuvor das Unterholz brodelte und die Sauen schnaubten war nun morgendliche Totenstille. Am festen Weg angekommen, steckte sich Irek eine Zigarette an und sagte: „Hirsch bleibt hier, hier ist Brunftplatz. Wir versuchen heute Abend nochmal.“

Da stand er nun... mein Morgenkaffee... das Glück stand mir in den Augen und die Enttäuschung war schon lange weg. Das ist Jagd und so wird sie immer sein – aus diesem Grund bin ich Jäger. Am Frühstückstisch tauschten Philipp und ich uns aus. Neben dem vielen Damwild hatte er auch Rotwild vor. Zur allgemeinen Belustigung hatte die Geschichte mit den Sauen im Nahkampf gesorgt. :-)

16 Uhr! Irek und Kristoph stehen wieder vor unserem Haus. Es ging weiter. Für mich war es klar, dass wir den morgendlichen Standort anfahren würden. So war es auch. Das Fahrzeug stellten wir etwa 400 Meter von der morgendlichen Begegnung ab. Der Wind ging gut. Aus weiter Ferne war wieder sein charakteristisches Rülpsen zu hören. Diesmal aber im anderen Abteil unweit unserer Stelle. Langsam pirschten wir uns an den Bestand aus der er schrie. Aufgeregtes Kahlwild wechselte wieder über den Weg und wir steuerten einen Drückjagdbock am Wegesrand an. Unsere Hoffnung, den Hirsch hier am Wegesrand zu treffen wurde schnell getrübt. Das schwere, andauernde und starke Rülpsen wandelte immer tiefer in den Bestand. Plötzlich knistert es direkt vor uns.... Ein junger Schaufler linste aus dem Unterholz. Seinen Äser weit in die Luft gestreckt versuchte er Wind zu nehmen. Er konnte uns nicht zuordnen, wenngleich wir uns kaum bewegten. Anscheinend war ihm die Situation nicht geheuer und er verschwand im dunklen Grün in Richtung Brunftgeschehen. So vergingen die Minuten und Stunden als wir nichts mehr hörten. Der Wald wurde dunkel und wir versuchten unser Glück an einer anderen offenen Feldkante. Doch hier ließ sich bis auf einen starken Marderhund und Rehwild nichts blicken. In weiter Ferne kochte der Wald. Mehrere Damhirsche meldeten nun, doch für uns zu dunkel. Also sollte es morgen früh erneut ran. Ausdauer und Motivation war gefragt, wobei letzteres selbstverständlich zu 100 % da war. Wann darf man solch ein Brunftgeschehen wieder erleben?

 

7:00 Uhr – nächster Morgen – Irek und ich stehen am nebelumhüllten Bestand. Der Wind ist gut. Der Himmel über dem Nebel war feuerrot. Sie hatten ab Mittag starken Regen angesagt. Fast wie eine letzte Chance. Doch es blieb ruhig... wir standen am Drückjagdbock, Irek zündete sich eine Zigarette an und da standen wir nun. Totenstille. „Warten...vielleicht macht er Pause.“ Er wirkte fast etwas angespannt – versuchte es jedoch gut zu verbergen. Plötzlich schallte es 70 Meter vor uns im Unterholz. Rülps Rülps Rülps...Da war er.. scheinbar wachgeworden. „Wir gehen jetzt in das Unterholz...bitte leise!“ flüsterte Irek. Angespannt pirschten wir leise auf eine Rückegasse. Im Hintergrund schallte der Hirsch aus voller Kehle um die Gunst der Damen. Abspringendes Kahlwild und weggejagte Junghirsche pfefferten durch den Bestand. Teilweise wenige Meter an uns vorbei. Gefühlt 40 Meter vor uns röhrte er. Nicht sichtbar und dennoch so nah. Wir pirschten leise um jeden trockenen Ast um uns Meter für Meter zu erkämpfen. Da ! ! ! ! Kurz zeigten sich die Schaufeln des Brunfthirsches durch die Fichten. So schnell er da war, war er wieder weg. Das Rülpsen schallte in alle Richtungen. Das Dreibein stand und die Waffe war aufgelegt. Er war so nah! Doch er zeigte sich nicht... Fast 40 Minuten im Anschlag – 40 Minuten Spannung die fast nicht mehr auszuhalten waren. Selbst Irek hörte auf zu rauchen :-) Immer wieder kam es zu kleineren Brunftpausen von 5-10 Minuten. War er weg? Nein immer wieder zeigte er, dass er noch da war. Das Knacken des Unterholzes und leise Zwischenrülpser bestätigten ihn.

„Da, jetzt aufpassen“, so Irek. In dem einzigen Korridor vor uns zeigte sich Kahlwild. Wir hatten nur eine Minimalschneise von 30 Metern und diese war nur 4 Meter breit. In Mitten des Dickichts.

Ein Altier durchbrach die grüne Fichtenwand. Da stand es nun und äugte aufgeregt nach hinten. Kommt er nach? Ich hatte ihn nur 3 Mal kurz sehen können – nie im Ganzen. Entweder zeigte sich sein Haupt kurz oder seine mit weißen Flecken betupfte Decke. Ein weiteres Schmaltier trat aus und zog langsam auf uns zu, um links in der Dickung wieder zu verschwinden. Der Puls lag vermutlich schon im Gras. Eine Atmosphäre und Spannung, welche kaum auszuhalten war.

Hirsch“, grunzte Irek “kommt jetzt, aufpassen!!!!“ Das Knacken und Brechen der Äste kündigten ihn an. Wie ein König trat er aus der Fichtenwand um dem Kahlwild zu folgen. Ein traumhafter Anblick, welcher nicht von Dauer ist. Spitz und zügig von vorn folgte er dem Kahlwild. 20 Meter vor unserer Nase drehte das Kahlwild nach links ab und mit ihm der Hirsch. Auf dem letzten einsehbaren Meter stand er breit – 20 Meter vor mir – ein Bruchteil einer Sekunde. Den Knall konnte ich selbst kaum wahrnehmen so stand der rote Punkt des Absehens auf dem Blatt. Wie in Trance stehe ich nach dem Schuss da. Das Wild bricht nach links mit starkem Knacken aus. Die Bühne leer. Entferntes Abspringen des Kahlwildes und weiterer Tiere ist zu vernehmen. Meine Hände zittern! Die Augen trocken. Die Hände kalt. Stille umhüllt uns. Ein angespannter Irek schaute mich an: „alles gut?“ „Ja“, räuspere ich, „alles gut.“ Ich bin gut abgekommen. Der Schuss war perfekt. Mit einer besonderen Ruhe, welche irgendwie nur Fassade war, reichte er mir mit ebenfalls zittriger Hand seine Zigaretten Schachtel entgegen. „Ne..., ich trink lieber gleich ein gutes kaltes Bier“...wenn alles passte. Ich konnte wieder grinsen.

Langsam näherten wir uns dem Anschuss. Im gelben Gras schimmerte Lungenschweiß! Erleichtert und beruhigt schauten wir uns an. Irek machte ein paar Schritte in die Fluchtrichtung. Immer noch gebannt am Anschuss schallte es: „Hirsch tot! Waidmannsheil mein Junge!“ Keine 10 Meter vom Anschuss lag er dort, mit guten Blattschuss in einem kleinen Krater mit Gras bewachsen.

Bis zu diesem Zeitpunkt lief bei mir irgendwie alles in Zeitlupe, alles etwas verschwommen. Was war das für eine Jagd? Mehr Jagd kann man nicht erleben. Den Erlegerbruch in der Hand strahlte ein zufriedener Irek mir entgegen und wünschte mir Waidmannsheil. Der letzte Bissen wurde platziert und wir hielten wortlos Inne. Mein Respekt für dieses Tier, meine Dankbarkeit und meine Leidenschaft! Es dauerte einige Zeit bis wir alles versorgt hatten. Der Nebel war inzwischen weg und die gesamte Atmosphäre wandelte sich in einen bewölkten Tag, als wenn der Wald passend zum Ende den Vorhang schließt. Es folgten noch im Wald die wichtigsten Nachrichten an Philipp – per Whatsapp: Hirsch tot.

Ein kaltes Bier, gemeinsames Beisammensein folgte und ich kann euch eines sicherlich sagen – ich jage seit Kindesbeinen an – aber dieses Erlebnis war für mich einzigartig. Oft jagten wir auf Damwild, jedoch nie in der Brunft und in solch schöner Kulisse. Ein für mich absolut tolles Erlebnis – eine Erinnerung, die ich so schnell nicht vergessen werde. Danke an einen beharrlichen Irek und natürlich einen motivierenden Philipp :-) Auch für ihn hat es geklappt – auch er konnte einen Hirsch strecken. Waidmannsheil.

Die Rückfahrt verging wie im Fluge. Wir hatten so viel zu erzählen. Neben der Erlegung war für mich der Herbstwald ein besonderes Szenario. Ein wohl goldener Oktoberbesuch in Polen war nun vorüber. Vielen Dank dafür...

Waimannsheil- Euer Freddy

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