Der abnorme Bock

von Freddy Lietz

Der alte Bock

Es ist der 1.Juni 2018 – 4:15 Uhr. Der Wecker reißt mich aus dem Tiefschlaf. Warum tut man sich das an? Der Vorabend war sehr windig und nicht von viel Anblick gekrönt. Es sollte ein Morgenansitz her....

 

Einige wenige Male konnte ich einen heimlichen alten abnormen Bock im Revier ausmachen. Die speziellen Ansitze ergaben jedoch nichts. Als sei es ein Geist – ein Geist auf gefühlten 1000 ha. Unsere befreundeten Mitjäger sollen am folgenden Wochenende kommen und mein Morgenansitz galt mehr dem Ausmachen von Böcken, als die unwahrscheinliche Mission des abnormen Bockes.

Die ersten Vögel zwitschern zaghaft den Tag an - ich bin mal wieder zu spät. Langsam bricht der Tag durch die Dunkelheit, als ich von Zuhause losfahre. Zum Glück benötige ich nur gute 5 Minuten bis zur besagten Stelle, an der ich mich an den Anblick zahlreicher Rehe erfreuen könnte. Eine große mehrere Hektar große Wiese mitten im Waldrevier ist das Ziel. Als Kontur schon zu gut sichtbar, baut sich die kleine Eisenleiter vor mir auf. Entlang des Weges dorthin stehen bereits ein Gabler und eine Ricke auf der mit Tau benetzten Wiese. Der Wind ist auf meiner Seite und lässt mich unbemerkt daran vorbei pirschen. Auf dem Sitz eingerichtet, ist es bereits gut hell und die ersten Rehe stehen auf der Fläche. Ricken, die ihre Kitze säubern bis hin zu einzelnen Jährlingsböcken, welche jedoch sehr gut veranlagt sind. Es ist immer wieder toll, so in den Tag zu starten – wenn gleich der erste Weckermoment das wohl schlimmste Geräusch auf Erden ist.

Es vergeht die Zeit – wie im Fluge baut sich der dicke Sonnenball am Horizont über den Baumwipfeln auf, um mit warmen strahlen auf meinen doch recht kalten Wangen zu landen. Ein wohliges Gefühl im Gesicht. Höhepunkt des Ansitzes bis hier hin ist wohl der junge Sechser Bock, welcher völlig unbedacht direkt unter meiner Leiter seine Bahnen zieht. Als sei ich Luft. Luft – die ein Teil unserer Natur ist. Bedächtig äst er im hohen Gras und schüttelt sich hier und da die echt nervigen Insekten von der Decke. Dicke vollgesogene Zecken zieren sein doch recht junges Gesicht. Wer hat die eigentlich erfunden?

So vergeht die Zeit, als ich mich gegen 6:45 Uhr dazu entschließe, abzubaumen und entlang des Waldes zur nächsten Ansitzeinrichtung – einer fahrbaren Kanzel – zu pirschen. Hier kann ich den, von der vorherigen Leiter nicht einsehbaren, Wiesenteil am Ende der großen Fläche einsehen. Zwischen Hecke und Wald bewege ich mich langsam auf dem Feldweg. Hinter der Hecke befindet sich die große Fläche. Am Ende der Hecke steht sie dann im Tau – die fahrbare Kanzel. Eingesponnen, als sei sie ein Teil der Natur, steht sie dort. Die Sonne glitzert in den Spinnenweben an der Kanzel und der Wecker ist längst vergessen. Ein ordentliches Frühstück – das wäre jetzt was. Aber erst schauen wir mal, ob sich hier ein passender Bock bestätigen lässt.

Langsam bewege ich mich hinter die Kanzel, um dann mit bedacht und Ruhe die Wiesenfläche abzuglasen. Aufmerksame Blicke und lange Hälse einer Ricke und den Kitzen ragen aus dem wohl hüfthohen Gras. Hier und da befinden sich kleine, saftige und niederige Klee-Inseln innerhalb der Fläche. Ideales Rehwildparadies.

Mein Blick bleibt an einem aufgeregtem Schmalreh in mitten der Fläche hängen. Äußerst aufmerksam äugt es in die Fläche – was mag dort sein? Sauen? Fuchs oder Dachs? Auf gut 150 Meter steht es angespannt in der Wiese und äugt sich die Lichter aus dem Schädel. Da muss doch was sein?! Wieder und wieder glase ich die Fläche ab und wie aus heiterem Himmel steht mittig in der Fläche ein starker Bock. Es war sofort klar, dass es sich um einen stärkeren Bock handelt. Ein freudiger Ruck durchfährt mich, da ich den ersten passenden Bock für unsere Mitjäger bestätigen konnte. Er zieht langsam Richtung Wald um anschließend von dem grünen Saum des Waldrandes verschluckt zu werden. Ein stärkerer 6er Bock – das ist ja schonmal gut, denke ich mir. In Gedanken nun beim Frühstück, beschließe ich mich auf zu machen, als auf einmal eine rote Gestalt in Form eines unerwarteten Rehs 150 Meter vor mir ebenfalls aufsteht. Ein Ruck im Körper lässt mich schlagartig das Glas heben. Das gibt’s doch nicht! Der abnorme Bock! Bedächtig äugt er die Fläche ab, als sei es seine Pflicht, als erstes zu checken, ob wer fremdes schalenwildartiges auf der Wiese steht. Der Wind steht mir im Gesicht und es entwickelt sich ein Hauch von Jagdfieber. Ja das ist er – das ist der Bock – der Geist. Was ein Zufall?!

Das rechte Gehörn als Sechser stark geperlt und die andere Stange besteht aus einem bleistiftartigen dünnen Stäbchen. Als seien 2 Böcke in einem vereint. Das Nasenbein ziert ein grauer Schleier. Die Lichter pechschwarz und aufmerksam. Langsam zieht er, der über den Bäumen stehenden Morgensonne, entgegen. Die Lichtverhältnisse werden verdammt schwierig. Die Sonne blendet das Glas und ein Zielen mit der Optik ist nicht möglich. Sein Ziel? Der Wald. Mir bleibt keine Zeit. Vorsichtig, aber leicht hektisch, versuche ich unbemerkt auf die fahrbare Kanzel zu kommen. Bloß kein Geräusch machen, bloß keine falsche Bewegung. Das einzige, für mich wichtige Fenster, ist lautlos geöffnet und er steht am Waldrand. 140 Meter von mir weg. Er hat mich nicht vernommen, jedoch ist sein Ziel immer klarer. Der Wald soll ihn verschlucken. Ich kämpfe mit der im Glas stehenden Sonne und der passenden Vergrößerung. Die Fensterklappe spendet Schatten wenn ich einige Zentimeter nach hinten rutsche. Gedacht, getan! Wo ist der Bock? Weg! Verschluckt vom Wald? Vom hohen Gras? Wenn er noch da ist und in den Wald möchte bleiben mir nur noch die letzten Klee bedeckten freien 5 Meter direkt vor dem Wald auf 120 Meter.

Alle Konzentration gebündelt auf diesen winzigen Korridor. Ist er noch da? Angestrengt ziehe ich mein Auge zurück, um mit beiden bloßen Augen die Gesamtlage zu checken. Da! Da ist er... auf der Schneise. Blitzartig schaue ich durch die Optik. Ja - da ist er. Langsam zieht er Richtung Einwechsel, um wenige Meter vor dem Wald ein letztes Mal zu verhoffen.

Das Absehen steht hinterm Blatt. Der Schuss peitscht durch den Morgen. Erst jetzt nehme ich wieder die Vögel und die Windgeräusche wahr. Der Bock ist weg. Auf der Fläche stehen noch Rehe – wie in Stein gemeißelt scheinen sie die Situation zu analysieren, um anschließend zügig in den Wald zu wechseln.

Nach endlosen 5 Minuten schließe ich die Kanzel und begebe mich mit leicht zittrigem Atem Richtung Anschuss. Bereits auf 50 Meter blitzt mich der rote Wildkörper im niedrigen Klee an. Riesen Erleichterung, Ehrfurcht und Respekt umgeben mich. 10 Meter vor dem sauber gestreckten Bock halte ich inne. Wahnsinn. Da rechnet doch keiner mit. Links neben mir steht als Saumbaum eine junge Eiche, welche mir den letzten Bissen und Erlegerbruch spendet. Mit den Zweigen in der Hand und dem nötigen Respekt begebe ich mich zu meinem Stück. Was ein Bock. Wahrlich ein abnormer und interessanter Bock, der wohl seine Gene ausreichend weitergetragen hat. Dies kann man an vielen jungen Jährlingen sehen, welche 2 unterschiedlich hohe Stangen haben. Oder ist es Einbildung?! Für gefühlte 15 Minuten verweile ich am Stück. Die morgendliche Stille umfasst mich wieder und es ist, als sei nichts gewesen. Die Vögel zwitschern und bereits am anderen Ende der Wiese steht wieder Rehwild.

Ein letztes ordentliches Foto und ich hebe den Bock auf meinen bereits herangeschafften Pickup. Es sind für mich genau diese Momente, die die Jagd unter anderem ausmachen. Freudig und erleichtert sende ich das Bild unseren Mitjägern „Was ein Bock – den sieht man nicht nochmal“ Es folgt Waidmannsheil und Freude bei meinen Kollegen.

Neben eines sehr interessanten Bockes ist die Gefriertruhe nun auch mit hochwertigen Lebensmittel, unserem heimischen Wildfleisch, aufgefüllt. Steaks, Rückenfilets, Rippchen und Braten dürfen die nächste Zeit auf den Grill – herrlich.

Was ein Erlebnis …

Waidmannsheil

Euer Freddy

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