Die erste Sprosse und der kurze Abend

von Freddy Lietz

Der Mond scheint hell über den hessischen Waldbergen. Mein Blick richtet sich aus dem Wohnzimmer Richtung Waldkuppe. Am Horizont steht er in voller Pracht. Rund, hell und groß. Jasmin, meine Partnerin grinst - Sie weiss was jetzt ansteht ... Saumond!

 Seit Tagen sind sie schwer unterwegs - im gesamten Waldkomplex auf 200ha. Überall wechseln sie hin und her. Tiefe, im Schnee ausgelaufene Schwarzwildwechsel bahnen sich wie übergröße Wildstraßen durch die Hänge. Die Kirrungen sind angenommen, die Wechsel belaufen und der Waldboden trotz Frost und eisigen Temperaturen durchwühlt. Es ist 19:30 Uhr und es ist gerade mal 30 Minuten dunkel. Naja dunkel, wenn man das so nennen darf. Ich bin zu spät...mal wieder! Vorsichtig drücke ich die Tür meines Wagens zu. Im Schutz des schattigen Waldrandes steht mein Pickup richtig. Hier kann er warten ;-)

Vor mir eine große Wiese - an einem Waldvorsprung befindet sich die angesteuerte Kanzel. Vor dieser Kanzel, geschützt hinter dem Waldvorsprung, eine kleine Kirrung. Seit Tagen herrscht Betrieb rund um diese Wiese. Der Mond spiegelt sich auf der mit Schnee bedeckten Wiese. Der tagsüber aufgetaute und Abends wieder angefrorene Schnee leuchtet unendlich weiß. Ein lautloses Angehen kaum möglich. Dennoch bewege ich mich langsam zur Kanzel. Der Wind steht im Gesicht. Jeder ausgeatmete Atemzug kommt als Eiswürfel zurück ins Gesicht geflogen. Eisige -9 Grad zeigte mein Wagen an. Viele Leute denken, ich wäre gestört! Nein Freunde... das ist meine Leidenschaft! Meine Leidenschaft für unser Jägerdasein, unseren Drang draußen zu sein, die Spannung in den nächtlichen Wald zu horchen, den Anblick schwarzer Sauen im hellen Weiß.

Nur noch wenige Meter bis zur Kanzel... der Wind sticht wie tausend Nadeln im Gesicht. Die Finger bereits jetzt zu Eis gefroren. Junge..du spinnst, glaub ich doch a bissl. Meine rechte Hand ausgefahren zur ersten Sprosse. Angekommen am Fuß der Leiter blicke ich nach oben. Da steht er - der Lorenz. Hoch und so hell. Viele behaupten, Sauen laufen dann nicht. Die Erfahrung kann ich leider in mehreren Revieren nicht teilen, zumindest in Waldteilen nicht. Bewegen müssen sie sich ja. Meist ist es eine Frage des Windes oder der nächtlichen Störfaktoren bei Mond, ob sie kommen oder nicht. 

Mein Blick neigt sich wieder runter Richtung Kirrung. Wie ein blitzartiger Schlag erfriert mein Gesicht. Ein schwarzer Klumpen auf 40 Meter vor mir an der Kirrung. Vor mir steht vertrocknetes hüfthohes Gras. Die schlechtäugende Sau und der passende Wind lassen mich unbemerkt. Schnell zücke ich mein Wärmebildgerät ( Pulsar Helion XQ 50F ) um die Lage zu analysieren. Dann kommen sie links aus dem Wald, eine nach der anderen. Eine Rotte von etwa 15 Sauen überfallen jetzt hörbar die Kirrung und umliegende Wiese. Das Licht perfekt, der Wind im Gesicht und ..und ja... es ist dermaßen kalt im Gesicht, dass mir die Tränen vom Wind kommen. Die Sauen sind dennoch sehr unruhig. 3-4 starke Bachen, mehrere Frischlinge von etwa 20-25 kg und Kleinere bewegen sich in einem schwarzen Gewusel rund um die postierten Baumstämme. Unter ihnen befindet sich Mais. Gefühlte 15 Minuten im Anschlag, aufgelegt auf der 5. oder 6. Sprosse, den Fuß als Stabilisator auf der ersten Sprosse stehe ich dort..

Lange kann ich nun nicht warten.. aber sie halten nicht still. Sautypisches Gewusel eben! Dennoch verteile ich den Mais grundsätzlich an mehreren Stellen versteckt unter Baumstämmen und Steinen - so ausgerichtet, dass sie sich verteilen müssen. Nach einiger Zeit ziehen sie sich zurück... Mein Puls steigt, denn es ist klar..sie werden gleich weiterziehen...weiter in die helle Nacht hinein. Gut über die Hälfte der Sauen ist im schwarzen Wald verschluckt, als sich mir diese einzigste Chance bietet. Ein Frischling steht breit. Intuitiv und fest im Anschlag bleibt der gedimmte rote Punkt hinter dem Blatt stehen. Die Entscheidung ist getroffen, das Stück Wild ist sauber angesprochen.

Der Schuss hallt in die Nacht hinein. Keine 20 Minuten nach dem Parken meines Fahrzeuges stehe ich nun da. Die Tränen vom eisigen Wind im Gesicht, die Finger taub, die Rotte weg. Ohne den Anschuss zu besichtigen, kehre ich zum Auto zurück. Luna, meine Schweißhündin, sowie meine Partnerin Jasmin mit unserem Kopov-Nachwuchs sollten her. Nach 5 minütiger Fahrt nach Hause und wieder zurück stehen wir am Anschuss. Heller Lungenschweiß glitzert uns an. Keine Sau weit und breit. Luna ist vorbereitet, sie weiß was zu tun ist. Wieder mal in super Form dauert es keine 5 Minuten. 30 Meter vom Anschuss bringt sie mich an den im Wald vereendeten Frischling. Ein Frischling von 20 Kilo mit Lungenschuss liegt sauber da. Erleichterung und Zufriedenheit.

Zurück zu Hause angekommen steht er noch immer hoch am Himmel, alles glitzert und die Sau hängt bei mir in der Kammer. Es ist 21 Uhr. So geht es weißgott nicht immer - jeder der oft Sauen jagd weiß, dass es immer wieder spannend anders ist. Dennoch war es ein super Abend - die Kälte ist schnell vergessen. Waidmannsheil

Euer Freddy 

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