Die helle Nacht und das Geburtstagskind

von Freddy Lietz

Die helle Nacht und das Geburtstagskind

Es ist Anfang Januar – mein treuer und zugleich bester Jagdfreund ist mit samt Frau zu Gast. Natürlich sollte es auch rausgehen und dies sollte sogar ein spezieller Abend werden. Derzeit sind unsere Sauen schwer unterwegs – überall und nirgendwo und dennoch immer irgendwo zu sehen. Es ist 20 Uhr und wir wollen in Philipps Geburtstag “rein-ansitzen“. Gibt`s dieses Wort eigentlich? Wenn nicht, dann ab jetzt :-)

Mit samt Sack und Pack stiefelt er in den Mondabend und macht sich von meinem Fahrzeug aus auf den Weg zu seinem Sitz. Eine geräumige Kanzel mit einer gut angenommenen Kirrung wartet dort auf ihn. Es ist bedeckt und der Mond ist nicht zu sehen, dennoch stark genug um alle Konturen mehr als ausreichend zu erkennen.

 

Rückwärtsgang rein und ab zurück auf die asphaltierte Straße, welche ab 21 Uhr kaum befahren wird. Ich drehe und fahre zu meinem geplanten Sitz. Mit Standlicht und langsamen Tempo fahre ich den kurvigen Feldweg, der tausend Hecken und vereinzelten Obstbäumen, entlang. Gute 200 Meter vom Sitz entfernt parke ich. Ein Blick auf die Uhr und ein.....BRRRRR BRRRR...mein Handy vibriert...Email? Verdutzt denke ich mir: „Wer hat denn da nichts zu tun?! “ Ich krame mein Handy aus meiner vollgepackten Ansitzhose und öffne meine Mails. Den Gehörschutz bereits auf die Mütze geklemmt und das Fernglas um den Hals, sitze ich nun da im Auto und starre auf mein Display. Rund 5 Sauen, 2 Bachen und 3 Frischlinge posierten auf einem von der Wildkamera geschossenem Nachtbild. Dieses Bild kam live und in Farbe von der Kirrung, jener Kanzel, die 200 Meter entfernt steht. Na herzlichen Glückwunsch Lietz - zu spät.

Ein Angehen spare ich mir, da die Deckung und der Wind für ein eventuelles Vorhaben zu schlecht ist. Ich pirsche gerne, viel und meist auch erfolgsorientiert – dennoch möchte ich das Revier nicht unnötig beunruhigen, zumal wenn es vorher schon klar und aussichtslos ist.

Kurze Überlegung, weiterhin starre ich auf den Display, welcher weitere Bilder live sendet. Mit knirschenden Zähnen und leichtem Zucken dreh ich den Schlüssel zur Zündung um, schalte den Rückwärtsgang ein und versuche leise und unbemerkt zurückzufahren.

Mein Ziel? Eine Ausweichkanzel an einer hufeisenförmigen Wiesenfläche innerhalb eines kleineren Waldgebietes. Die Wiese erstreckt sich wie eine kleine Zunge in den dunklen Wald. Auf dieser ungenutzten Wiesenfläche ist eine Kirrung angelegt und auch so wechseln Sauen häufig über die Wiese. Noch gute 50 Meter zur Kanzel stapfe ich warm angezogen von dannen.

Nun sitze ich da, gerade herein gekommen. Das Sitzbrett knarrt beim Bewegen. Ein kurzes Kramen in der Hosentasche – eine alte Drückjagd Standkarte halte ich in der Hand. Kleingefaltet stecke ich sie notgedrungen unter das Sitzbrett und es herrscht Ruhe. So! Gut gemacht. Und jetzt erst einmal den Laden offen machen. Fenster links und geradeaus ist offen. Gute 30-40 Meter vor mir liegen sie da. Stumm und friedlich im mittlerweile mäßigem Regen – die dicken Baumscheiben. Mitten auf der Fläche decken sie den Mais ab. Trotz bedecktem Himmel sind sie mit bloßem Auge gestochen scharf zu erkennen. Die Geräuschkulisse besteht aus leichtem Regen, welcher fein ins Laub tröpfelt. Hinter der Kanzel plätschert leise und konstant das Regenwasser vom Dach in eine Pfütze.

Momente, bei denen ich jede Sekunde aufsauge und genieße – nichts wäre mir in diesen Momenten lieber.

So – eine kurze WhatsApp an meinen Jagdbruder Philipp. „Hab umgesattelt – Sauen standen schon draußen – sitze jetzt 300 Meter Luftlinie von dir im Gegenhang.“ Es sind etwa 5 Minuten vergangen und ich fasse nach rechts. Meine Blaser R8 fest im Griff lege ich sie auf das Fensterbrett und visiere die Holzklötze an, stelle die Vergrößerung ein und teste das gedimmte Leuchtpunktvisier. Das Licht ist trotz Regen absolute Bombe! Kurzer Blick außerhalb des Zielfernrohres über die Waffe Richtung Waldkante – Was ist das ????

Lautlos schleicht sich aus der hintersten Ecke eine schwarze Traube Richtung Kirrung. Sauen ! ! Die einzigen Geräusche bestehen immer noch aus dem leichten Nieselregen und hin und wieder ein dezentes, kaum hörbares Schnauben. 5 stramme Bachen wechseln mit etwa 5-6 Frischlingen von etwa 25 kg auf die Holzklötze zu. Als Kette formiert, sind sie nun auch deutlich zu hören. Unglaublich, aber wahr – es steht alles bereit. Den Wind im Gesicht, die Büchse im Anschlag, Leuchtpunkt an und da stehen sie... nach nur 7 Minuten Ansitz. Der Leuchtpunkt bleibt an einem freistehendem Frischling stehen, hinterm Blatt verhoffe ich - und lasse fliegen.

Der Knall hallt durch den frühen Abend. In alle Himmelsrichtungen spritzen sie davon – um anschließend vom tiefen Schwarz des Waldes verschluckt zu werden. Hab ich das jetzt geträumt? Erneuter Blick durchs Zielfernrohr. Die Sau liegt an Ort und Stelle. Waidmannsheil – Junge – dachte ich mir. Es ist 21:20 Uhr und ich stehe nun an der Sau. Genau die richtige Größe. BRRR BRRR – Nachricht! Philipp: Du? Ich: Jo :-) Souveräne Kommunikation halt.

Ich schreibe Philipp, dass er noch sitzen bleiben soll – der Geburtstag ist noch etwa 2,5 Std. entfernt. Es war uns beiden klar, dass diese Nacht gut wird. Es war trotz des Nieselregens weiter hell und es lag eine gewisse Spannung im Revier.

Die Sau auf meiner Ladefläche verstaut, steuere ich unsere Kühlkammer an und versorge sie, eh ich dann wieder auf dem Weg zur ursprünglichen Kanzel bin. Die GPS Wildkamera ist bereits seit 1 Stunde wieder ruhig. Mit etwas Glück kommen sie erneut auf die Fläche? !

Es ist 23:45 Uhr und es herrscht Ruhe bei mir. Philipp schreibt: „Ich baume erst ab wenn ich Sauen gesehen hab“ ja, ist klar. Ich grinse und lausche weiter in die unfassbar spannende Nacht hinein. Ein Kauz beschwert sich offensichtlich in der Ferne über womögliche Störenfriede?! Leichtes Geknister von äsendem Rehwild auf der Topinamburfläche vor mir.

BUM – Der Knall lasst mich aufschrecken. Er peitscht über die Bergkuppe um dann im nirgendwo zu verhallen. Philipp? Wie viel Uhr haben wir? Aufgeregt schaue ich auf die Uhr. 0:00 Uhr – das gibt’s doch nicht! Kurze, gewohnt souveräne Nachricht an meinen alten Freund: „Du?“

„Jo :-) einzelne Sau – hat Schuss.“

Erleichtert und entspannt packe ich ein. Er hat Geburtstag und schießt um 0:00 seine Geburtstatgssau. Sehr genial. Inzwischen treffen auch die aufgeregten Mädels mit meiner Schweißhündin Luna ein. „Herzlichen Glückwunsch mein alter Freund! Und jetzt komm – ab an den Anschuss!“ Der Schweiß zeigt einen guten Schuss und stimmt mich zuversichtlich. Nach kurzer Suche bringt mich Luna an die Sau. 30 Meter vom Anschuss entfernt liegt sie im Laub. Guter Schuss und gute Sau. 43 kg bringt sie später au fdie Waage.

Ich ziehe sie zum unterhalb des Hangs gelegenen Weg und treffe dort auch schon unsere Mädels. Jasmin, meine holde Dame, kennt sich natürlich auch im Revier aus und wusste wo ich heraus komme. Es folgen Glückwünsche und gemeinsame Bilder. Waidmannsheil und alles Gute zum Geburtstag. Im Wohnzimmer trinken wir unsere Sauen um 1:30 Uhr tot. Immer noch der Blick aus dem Fenster. Es ist immer noch hell ;-)

 Waidmannsheil

Euer Freddy

 

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