Die unglaubliche Nacht eines Jägers...

von Freddy Lietz

Eine unglaubliche Nacht eines Jägers

Als Jäger gibt es viele Momente – Momente des Glücks, Momente der Freiheit, Geselligkeit und Momente der Verbundenheit zur Natur. Über eine einzigartige Nacht, welche ich schon lange nicht mehr erlebt habe, will ich euch berichten. Sie macht den Moment zur grandiosen Erinnerung...

Das Telefon geht – ein alter bekannter Jagdfreund ist dran. „Freddy, haste Lust am Wochenende mit auf Rotwild und Schwarzwild zu jagen?“ Seit Juni diesen Jahres betreut mein Kollege das etwa 130 ha Feld-Revier in mitten von mehreren tausend Hektar Waldgebiet. „Ich möchte dir das Revier mal zeigen“

Mein Blick wandert zur Küchenwand, der Mondkalender zeigt Licht erst zur zweiten Nachthälfte an. Weiter zieht mein Blick über Luna, welche nichts ahnend in ihrem Nest liegt, zum Fenster nach draußen. Seit Tagen Mistwetter!

„Klar – wieso nicht, freue mich. Licht wird aber echt sch....aber was solls.“ Zu dem Zeitpunkt war mir nicht klar was dort in jener Nacht passieren wird.

 

Am besagten Wochenende treffen wir uns und schnacken über vergangene Zeiten, Jagden und Erlebnisse. Ein kleiner Stadtrundgang mit anschließendem Kaffee machte den Start in das Wochenende. Anschließend gings ins Revier.

Wiesen und kleine Büsche prägen das Bild. Umhüllt von einem riesen Waldgebiet scheint das Revier irgendwie abgekapselt. Haferfelder zum Teil bis auf wenig noch übrig gebliebene Ähren herunter gefressen, ließen die nächtliche Bewegung vermuten. Eine Schutzhütte in mitten des Reviers bietet für Einheimische und Gäste die Möglichkeit zu feiern. An jenem Samstag war Feierzeit und unsere Motivation ist samt Optimismus dahin. Parkende Autos und einige Leute sammelten sich bereits um den Grill. Unsere sparsamen Blicke aus unserem Geländewagen konnten sie nicht sehen.

In der Regel sitze ich durch, aber wenn du möchtest, kannst du dann irgendwann abbaumen und nach Hause fahren“ so mein Jagdfreund. Der verhangene Himmel, der leichte Nebel und die im Hintergrund ballernde Grillhütte überzeugte mich, dieses auch zu tun. Gute 400 m von der Party entfernt nähere ich mich der Schlafkanzel, die wir für mich festgelegt hatten. Eine stabile und sehr geräumige Kanzel zeigte sich auch von innen sehr gepflegt und groß.

Es dauerte seine Zeit bis ich Luna, Rucksack sowie diverse Decken oben hatte. Naja... bis 1 Uhr schaffen wir das schon, dachte ich mir.

Vor mir waren es etwa 100 m zum Wald. Eine große Wiese lag zwischen mir und dem Wald und im Anschluss nach rechts begann das besagte, kurzgefressene Haferfeld. Hinter mir befand sich ein Wiesental welches durch abgeerntete Weizenfelder getrennt wurde. Im Hintergrund Helene Fischer und im leichten Nebel blitzte die Lichttechnik am Horizont. Klasse Sache – dachte ich mir. Aber, und das muss ich einfach sagen, hatte ich irgendwie das Gefühl, das es einfach völlig egal war ob da Musik lief.

Es war nun 21:15 Uhr und der bedeckte Himmel sorgte für eine düstere Atmosphäre. Wind und Nieselregen zog auf. Im leichten Nebel tritt auf etwa 150 m Rehwild aus. Sicherndes Äugen an mir vorbei zur Party zeigte, das es das Wild zwar wahr nahm, sich jedoch nicht stören lies. Der Wind kam perfekt und ich machte es mir bequem. Um 22 Uhr war das Büchsenlicht aus. Es sollte laut Mondkalender nun 2,5 Std. dauern bis die Sicht wiederkehrt. Mit Luna im Arm und in die Nacht lauschend legte ich mich auf die wirklich sehr bequeme, gepolsterte Ablage. Diverse Schlagerlieder und leichtes Blitzen am Himmel begleiteten meine letzten wachen Minuten.

 

Aufgeschreckt und erschrocken davon, dass ich tatsächlich fest geschlafen habe, zuckte ich auf. Ein kurzer Blick auf die Uhr zeigte: 0:15 Uhr. Ach du meine Güte... kurzer Blick raus... mäßiges bis schlechtes Licht und leichter Regen. Die Party lief noch und es war irgendwie eine mystische Stimmung. Leise setzte ich mich auf. Was nun passieren sollte konnte ich vorher nicht ahnen...

Vorsichtig hebe ich das Glas und leuchte die Wiesen sowie den Hafer ab. Langsam schwenkt mein Glas von links nach rechts. Nichts... Das schlechte Licht machte es sehr schwer weit zu sehen. Wieder von rechts zurück nach links geht der Blick mit dem Fernglas. Halt !!! Im düsteren Licht zieht eine Rotte Sauen auf etwa 80 m über die Wiese in Richtung meines vor mir rechts liegenden Haferfeldes. Die nur schemenhaften schwarzen Gestalten liefen wie in einer Perlenschnur zügig und unbeirrt. Der schnelle Griff zur R8 mit meinem Swarowski Z8i verlief ohne Geräusche und ich legte die Waffe auf das Fensterbrett. Nur schemenhaft konnte man Vorne und Hinten erkennen. Zu unsicher und gefährlich die Situation. Zu wage und nicht waidgerecht.

Inzwischen sind sie im Hafer angekommen und hielten sich für einige Zeit dort auf. Schmatzend und sich wegbeißend zogen sie weiter nach rechts um anschließend auf der anderen Seite des Haferfeldes auszuwechseln. Das Licht ? Nach wie vor echt bescheiden. Mein Puls schlug recht hoch denn selten bietet sich eine 2 Möglichkeit... Leichtes Zittern neben mir zeigte, das Luna bei mir war. Sie kennt jede meiner Reaktionen, jede meiner Bewegungen. Sie spürt meine Anspannung und sie war voll da. Erneut greife ich zum Glas und äuge die Wiese erneut ab. Die Sauen sind weg und ...und was ist das jetzt ? Etwa 15 große Gestalten stehen wie angemeiselt mitten auf der Wiese. Auf gut 150 m stehen sie nun – Ein Rudel Rotwild. Alttiere und Kälber sind schemenhaft zu erkennen. Eine vernünftige Schussabgabe auch hier absolut nicht möglich - der Ablick jedoch episch. Leichter Nebel und schlimme Rausschmeißmusik leise im Hintergrund – was willst du mehr.

Langsam zog das Rotwild hoch zum Wald um anschließend vom tiefen Schwarz des Waldrandes verschluckt zu werden. Genial denke ich mir. Kurzer Blick auf die Uhr: 1:15 Uhr. Wo bleibt das bessere Licht ? In Gedanken und Hoffnung auf besseres Licht und mögliche Szenarien knackt es rechts im Hafer. Der schnelle Blick durchs Glas zeigt eine einzelne grobe Sau auf etwa 70 m. Schmatzend zieht sie ihre Kreise. Längst steht der scharfe Rotpunkt leicht gedimmt auf dem schwarzen Klumpen. Zu verschwommen, zu dunkel und trotz sehr gutem Zielfernrohr einfach zu wage. Wohlmöglich befinden sich Frischlinge dabei? Der schwarze Klumpen zieht von dannen. Das kann jetzt echt nicht sein hier... Mein Blick wandert ständig zum Himmel. Ich brauche jetzt ein bisschen Lorenz! Nicht ganz ausgedacht konnte ich beim erneuten Abglasen der Wiesenkante zum Hafer wieder Rotwild sehen. 2 Tiere mit Kälber zogen durch den Hafer in meine Richtung. Es ist nun 2:15 Uhr und an Schlafen oder gar nach Hause war hier nicht zu denken. Die Bühne war voll und es war einfach nichts zu machen. Regen zog auf und das Rotwild war nur noch schwarze Masse im Feld.

Ein Blick aufs Handy: „3 x Sauen am Mais aber zu dunkel.“ so mein Jagdfreund. Der übrigens saß keine 100 m vom rauschenden Fest entfernt am Mais. Erneut blinkt es auf... „Soeben schwere Sau rüber in deine Richtung“ Spannung steigt und ich lausche in die Nacht. Das Rotwild zog durch und verschwand im Dunkeln als von links eine Überläuferrotte von etwa 7 Sauen wieder über die Wiese in den Hafer wechselte. Unglaublich aber wahr. Ich schwinge mit der Waffe mit, aber die schwarzen Klumpen sind nur als schwarze Masse im Hafer aus zu machen. Ich bin wach - hell wach! Jeder Sinn und Nerv ist dabei. Inzwischen hat der Wind aufgehört zu wehen und man hört das Schwarzwild durch den Hafer laufen. 3:20 Uhr und die Partymusik ist schon etwas länger verstummt. Auf den Feldern herrscht rege Bewegung. Erneut steht Rotwild auf 200 m auf der Wiese. Die Überläufertruppe durchwechselte das Feld recht zügig und verschwand im dunklen Wald. Luna zitterte immer noch und fragte sich bestimmt ob mit mir alles klar ist. Bis zum jetzigen Zeitpunkt hatte ich nun 4 x Rotwild und 4 x Sauen vor – und immer unterschiedliche!

Es verging eine weitere halbe Stunde als eine große schwarze Gestalt aus dem Wald in den Hafer wechselte. Leise mit verhaltenem Knacken näherte sich die Gestalt meinem Hochsitz. Das Licht war für einen waidgerechten Schuss über 40 – 50 m nicht ausreichend. Es war eine einzelne schwere Sau! Und was für eine. Wohlmöglich ein Urian. Gänsehaut und Anspannung durchfuhr meinen Körper. Das ist Jagd – und für kein Geld der Welt tausche ich diese ein! Langsam rückte die Sau näher und ich war mir sicher, das es passt. Die R8 bereits an der Backe wartete ich auf das Näherkommen, denn bislang war nichts zu machen. Sie ließ sich wahrlich Zeit. Seelenruhig durchstreifte sie den Hafer, als wenn sie wüsste das ihr nichts passieren wird. Keine Angst vor nichts. Wahrscheinlich brauchte diese Sau auch jemals keine Angst gehabt zu haben. Wenige Meter trennte die Sau von meiner Büchsenlichtentfernung, als von hinten ein Schnauben und Grunzen Ihre Aufmerksamkeit hatte. Das darf nicht wahr sein! Auf 70 m von schräg hinten wechselten Sauen ebenfalls in den Hafer. Wie von der Tarantel gestochen flüchtetet die einzelne grobe Sau zum Waldrand um dort alles im Blick zu halten. Zu weit weg. Die frisch eingewechselten Sauen bestanden aus 2 Bachen mit mehreren Frischlingen zwischen 20 - 30 kg. In der Hoffnung, dass es bald hell wird, wartete ich und lauschte in den Hafer. Das Gequietsche und Weggebeiße dringt durch Mark und Haut.

Das darf eigentlich hier nicht wahr sein alles. Ehrlich! Stille kehrt ein. In weiter Ferne leichtes Morgengrauen. Atemberaubende Morgenstimmung macht sich breit. Nieselregen und Nebel lassen die Morgendämmerung bei 250 m enden. Im Nebel wechseln die letzten Sauen in weiter Ferne strammen Schrittes in den Wald zurück. Es ist 5:45 Uhr und …. und es knallt hinter mir.

„Sau beschossen – in den Mais rein. Sch...!“ Ein aufgeregter Jagdfreund und Gastgeber textete und ich war in Gedanken bereits am Zusammenpacken, um ihm zu helfen. „Bleib bitte noch bis 7 Uhr sitzen“ hieß es. Beim Abglasen der Wiesenflächen konnte ich im Nebel flüchtiges Rotwild sehen. Es zog auf 200 m in den Wald.

Der Tag bekam die Oberhand und eine für mich atemberaubende, und wohl möglich die anblickreichste Nacht in meinen 16 Jahren als passionierter, aktiver Jäger liegt hinter mir. Ich konnte es immer noch nicht fassen was hier ab ging und völlig fertig packe ich meine Sachen. Eingemummelt liegt sie da. Die zwei müden Hundeaugen glitzern aus der Decke. Sehe ich da Verständnislosigkeit? Oder einfach nur ein: Junge... war das genial? Keine Beute aber um so viel reicher.

Ein letzter Blick zum Hochsitz und ich steige ins Auto. Mittlerweile wurde der Morgennebel von starkem Regen abgelöst. Bindfäden aus dem Himmel. Bei meinem Kollegen angekommen ..sitzt er da. Unter der geöffneten Heckklappe seines Geländewagens. Ein leichtes Grinsen durchfährt sein Gesicht. Ich steige aus und begebe mich neben ihn. Keine Worte. Ein zufriedenes, oder einfach nur fertiges Gefühl. Ein Gefühl, eine Nacht erlebt zu haben, die man so schnell nicht wieder erlebt? Wir tauschten uns aus und kamen zu dem Entschluss, dass wir gemeinsam weit über 80 verschiedene Sauen in Anblick hatten. Wahnsinn! Wir blickten auf das verschlafene Dorf. Für die Dorfbewohner sicher nicht zu ahnen, was hier Nachts passiert.

Es folgte eine kurze, erfolgreiche Nachsuche mit Luna auf einen Frischling welcher nur wenige Meter im Mais lag. Waidmannsheil.

 

Der Scheibenwischer gibt auf der Rückfahrt nach Hause sein Bestes. Immer noch gefasst und überwältigt vom Nachtansitz freue ich mich trotzdem auf mein Bett.

Das ist für mich Jagd. Das sind für mich die Momente die zur Jagd gehören. Momente und Erlebnisse, die uns keiner mehr nehmen kann.

Bis demnächst

Euer Freddy

 

 

 

 

 

 

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